Anlässe & Ziele

Innerlich schon weg?

Was hinter dem Gefühl steckt, nur noch zu funktionieren

Funktionieren, aber sich selbst nicht mehr wiedererkennen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Schutzmechanismus, der sich in drei Phasen entwickelt – und der sich, je früher er erkannt wird, auch wieder umkehren lässt.

5 Min.

Ein Mann stützt seinen Kopf gelangweilt auf seinen Händen

Man funktioniert. Aber etwas hat sich verschoben

Es gibt keine Krise, kein Konflikt. Nur eine Distanz, die sich eingeschlichen hat. Der Job wird ausgeführt, doch merken einige, dass sie innerlich nicht mehr dieselbe Person sind wie vor einem Jahr.

Die meisten halten das für fehlende Motivation. Manche vermuten Burnout. Tatsächlich beginnt bei ihnen etwas anderes.

Rückzug beginnt in den Erwartungen

Der eigentliche Rückzug beginnt nicht im Verhalten. Er beginnt in den Erwartungen. Für dieses Muster wurde das Modell der Psychologischen Rückzugsreaktion (PRR) entwickelt. Es beschreibt drei Phasen, in denen engagierte Menschen beginnen, sich innerlich von ihrer Arbeit zu lösen, lange bevor sie überhaupt an Kündigung denken. PRR beschreibt dabei nicht nur ein Gefühl, sondern drei Veränderungen, die parallel ablaufen: eine im Denken, eine im Verhalten und eine in der Identifikation mit der eigenen Arbeit. Jede Phase wird von einer dieser Veränderungen besonders geprägt.

Mehr als ein Gefühl

Was zunächst wie eine diffuse Stimmung beginnt, bleibt selten ohne Folgen. Manche machen plötzlich Fehler, die ihnen früher nie passiert wären. Andere schlafen schlechter, manchmal ohne den Zusammenhang zur Arbeit überhaupt herzustellen. Wieder andere erleben, wie ihre Karriere stehen bleibt, obwohl sie noch vor kurzem als engagiert und zuverlässig gegolten haben. Das Selbstvertrauen bröckelt. Der Gedanke an Kündigung taucht auf, verschwindet wieder, kommt zurück. Und irgendwann merkt man häufig, dass auch das Privatleben darunter leidet.

Wer sich in dieser Abfolge wiedererkennt, steht selten ganz am Anfang. Umso wichtiger ist der Blick auf die Phasen, die dorthin geführt haben.

Die drei Phasen

In Phase eins, der ersten Distanzierung, verändert sich zuerst das Denken. Es wird zum ersten Mal überlegt, ob es sich überhaupt noch lohnt, sich einzubringen. Eine eigene Idee bleibt öfter unausgesprochen, Antworten kommen eine Spur langsamer als früher. Nach außen fällt das kaum auf. Innerlich denkt die Person jedoch: Es lohnt sich nicht mehr, mich einzubringen.

In Phase zwei, dem Rückzug der Initiative, verändert sich das Verhalten merklich. Aus dem Zweifel wird eine Entscheidung, auch wenn sie nie ausgesprochen wurde. Es wird nicht mehr die Mühe gemacht, in Besprechungen zu widersprechen. Was verlangt wird, wird korrekt erledigt, aber ohne die Energie, die früher selbstverständlich gewesen ist. Von außen sieht das oft wie ein Motivationsproblem aus. In Wirklichkeit ist es eine stille Rationalisierung: „Ich mache nur noch meinen Job.“

In Phase drei, der emotionalen Abwesenheit, verändert sich die Identifikation. Man ist körperlich anwesend. Die Identifikation ist es nicht mehr. Ein Satz, der in Coachings an dieser Stelle oft fällt: „Ich tue noch alles. Aber der Raum dahinter ist leer.“ Manche fassen es noch knapper zusammen: „Das bin ich nicht mehr.“

Je länger sich diese innere Distanz festsetzt, desto mehr Aufwand braucht es in der Regel, Vertrauen, Motivation und Verbundenheit wieder aufzubauen.

Der Unterschied zur inneren Kündigung

Der Begriff der inneren Kündigung beschreibt einen Zustand: stille Resignation, minimale Leistungsbereitschaft. Was er nicht beschreibt, ist der Weg dorthin.

Die innere Kündigung beschreibt den Endzustand. Die Psychologische Rückzugsreaktion beschreibt den Weg dorthin.

Wer nur auf die innere Kündigung achtet, sieht meist erst das Ergebnis. Wer die drei Phasen davor kennt, kann reagieren, während von außen noch gar nichts auffällt.

Was jetzt hilft

In Phase eins ist eine Umkehr am ehesten möglich. Oft reicht ein offenes Gespräch mit der Führungskraft oder mit sich selbst. Die Schlüsselfrage lautet dabei nicht „Warum fühle ich mich so?", sondern „Was genau ist passiert oder ausgeblieben?"

In Phase zwei trägt ein Gespräch allein meist nicht mehr. Hilfreicher ist die Frage, was einen an dieser Arbeit ursprünglich gehalten hat, was davon noch da ist und was fehlt, damit daraus wieder mehr werden würde als nur Brotverdienst.

In Phase drei geht es seltener um die Frage, ob man bleibt. Es geht darum, wie. Ein ehrliches Gespräch über das, was war; über das, was sich ändern müsste, und über die Lösung, die man wirklich erwartet, schafft Klarheit, egal wie dieses Gespräch am Ende ausgeht.

Drei Fragen helfen dabei in jeder Phase weiter: Wann hat die Veränderung begonnen? Was war das erste Ereignis oder das erste Ausbleiben eines Ereignisses, das den Rückzug ausgelöst hat? Und was hätte es damals gebraucht, um anders zu reagieren?

Die wichtigere Frage

Die meisten fragen sich in dieser Situation zuerst: „Soll ich kündigen?“ Vielleicht ist das aber gar nicht die wichtigste Frage. Wichtiger ist oft: „Warum habe ich überhaupt angefangen, mich innerlich zurückzuziehen?“ Wenn diese Frage beantwortet werden kann, fällt die nächste Entscheidung leichter, ganz gleich, ob sie am Ende bleiben oder gehen heißt.

Deshalb geht es in erster Linie nicht darum, den richtigen Job zu finden. Sondern den Moment zu verstehen, in dem man begonnen hat, sich selbst in dem bisherigen Job zu verlieren. Genau dort kann Coaching ansetzen.

Das könnte Sie auch interessieren:

Nach oben